Vielleicht liegt unsere grösste Krise nicht im Aussen, sondern in der Art, wie wir die Welt betrachten.
Je länger ich mich mit unserer Gesellschaft und insbesondere mit unserem westlichen Weltbild beschäftige, desto stärker habe ich das Gefühl, dass wir an einem entscheidenden Punkt etwas übersehen haben.
Wir sind technisch unglaublich weit gekommen. Wir schicken Sonden durchs Sonnensystem, manipulieren Gene, bauen künstliche Intelligenzen und tragen kleine Geräte in der Hosentasche herum, mit denen wir praktisch das gesamte Wissen der Menschheit abrufen können. Gleichzeitig scheinen wir immer weniger darüber zu wissen, wer oder was wir selbst eigentlich sind.
Was ist Bewusstsein? Was ist Leben? Was ist ein Mensch? Was verbindet uns mit der Natur und miteinander? Und warum leben wir in einer Gesellschaft, die trotz ihres unglaublichen technischen Fortschritts so viele unglückliche, überforderte, einsame und innerlich orientierungslose Menschen hervorbringt?
Vielleicht sollten wir den Mut haben, nicht nur einzelne Symptome zu untersuchen, sondern unser gesamtes Weltbild.
DAS MATERIALISTISCHE WELTBILD IST AUCH NUR EIN GLAUBENSSYSTEM
Unsere westliche Kultur ist stark von einer materialistisch-atheistischen Denkweise geprägt. Wirklich ist, vereinfacht gesagt, was wir sehen, messen, wiegen, berechnen und wissenschaftlich reproduzieren können. Der Mensch wird dabei immer stärker auf Biologie und Chemie reduziert, Bewusstsein entsteht im Gehirn und mit dem Tod des Körpers ist die Geschichte vermutlich vorbei.
Man darf das glauben.
Nur sollten wir vielleicht aufhören, so zu tun, als wäre es die einzig mögliche Beschreibung der Wirklichkeit.
Denn auch die Vorstellung, dass ausschliesslich Materie existiert und Bewusstsein lediglich ein Produkt materieller Prozesse ist, beruht auf philosophischen Grundannahmen.
Glaube hat für mich zunächst einmal überhaupt nichts mit Religion zu tun. Jeder Mensch glaubt. Wir alle tragen Vorstellungen darüber in uns, was ein Mensch ist, was möglich ist, was Leben bedeutet und welchen Autoritäten wir vertrauen. Vieles davon übernehmen wir von unseren Eltern, aus der Schule, unserer Kultur, Wissenschaft, Religion, Politik und Medien – und irgendwann halten wir dieses übernommene Weltbild für die Wirklichkeit selbst.
Genau hier beginnt für mich Neuorientierung: bei der Bereitschaft, dieses Weltbild wieder infrage stellen zu dürfen. Nicht um Wissenschaft durch Esoterik oder ein Dogma durch das nächste zu ersetzen, sondern um offen zu werden für die Möglichkeit, dass die Wirklichkeit wesentlich grösser und geheimnisvoller sein könnte als das Modell, das wir von ihr geschaffen haben.
WAS, WENN UNSERE ZIVILISATION EIN SOZIALEXPERIMENT IST?
Wenn ich mir anschaue, wie wir heute leben, kommt mir immer wieder dieser Gedanke.
Vielleicht befinden wir uns mitten in einem riesigen Sozialexperiment, dessen Versuchsteilnehmer wir selbst sind.
Wir haben ein Lebewesen, das sich über Jahrtausende in unmittelbarer Verbindung mit Erde, Pflanzen, Tieren, Jahreszeiten, Tageslicht, Dunkelheit, Bewegung und Gemeinschaft entwickelt hat, innerhalb kürzester Zeit in eine weitgehend künstliche Lebenswelt verfrachtet.
Wir sitzen stundenlang in geschlossenen Räumen, schauen auf Bildschirme, bewegen uns zu wenig, essen hochverarbeitete Lebensmittel, leben unter künstlichem Licht und werden permanent mit Informationen und Reizen bombardiert.
Und dann wundern wir uns darüber, dass irgendetwas mit uns nicht mehr stimmt.
Noch spannender wird es, wenn wir unsere Kinder betrachten. Sie kommen als hochsensible, fühlende Wesen auf diese Welt und lernen sehr früh, welche Gefühle erwünscht sind, wann sie still sein sollen, wann sie funktionieren müssen und was Erwachsene von ihnen erwarten. Sie lernen nicht unbedingt, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, sondern häufig, sich anzupassen.
Wenn man diesen Gedanken konsequent weiterführt, könnte man von einer entwicklungstraumatisierten Kindergesellschaft sprechen: von erwachsenen Menschen, deren Körper erwachsen geworden sind, während Verletzungen, Ängste und Anpassungsmechanismen aus ihrer Kindheit weiterhin ihr Verhalten bestimmen.
Wir haben uns technisch rasant entwickelt und sind möglicherweise gleichzeitig menschlich und biologisch in manchen Bereichen regelrecht degeneriert. Das ist eine harte Aussage. Aber wenn ein moderner Mensch kaum noch weiss, wie man Nahrung anbaut, einen Tag ohne Smartphone verbringt, mit Stille umgeht oder seine eigene Wut bewusst fühlt, während er gleichzeitig hochkomplexe digitale Geräte bedienen kann, dürfen wir zumindest darüber nachdenken, was wir eigentlich unter «Fortschritt» verstehen.
IST DAS «SATANISCH»?
Ich benutze in diesem Zusammenhang manchmal bewusst dieses Wort, weil es provoziert und weil darin für mich ein interessanter Gedanke steckt.
Mit satanisch meine ich ausdrücklich nicht die religiöse Vorstellung eines Teufels, der irgendwo im Hintergrund die Fäden zieht. Ich verwende das Wort vielmehr für ein Prinzip der Umkehrung – für eine Welt, in der etwas ursprünglich Lebensdienliches zunehmend in sein Gegenteil verkehrt wird.
Wenn Verbindung zu Trennung wird, Selbstbestimmung zu Abhängigkeit, Vertrauen zu Angst, natürliches Fühlen zu Funktionieren und lebendige Gemeinschaft durch immer stärkere Vereinzelung ersetzt wird, empfinde ich das als eine Umkehrung dessen, was Leben eigentlich fördern würde.
Vielleicht ist das die interessantere Bedeutung von «satanisch»: nicht irgendeine Gestalt im Aussen, sondern die Frage, ob wir Systeme geschaffen haben und täglich mittragen, die fundamentalen Bedürfnissen des Menschen entgegenlaufen.
Und genau hier können wir nicht einfach mit dem Finger auf «die da oben» zeigen.
WAS WIR IM AUSSEN SEHEN, HAT AUCH MIT UNS ZU TUN
Wenn ich beginne, die Welt nicht nur als etwas zu betrachten, das mir passiert, sondern auch als Spiegel menschlicher Innenwelten, verändert sich meine Perspektive grundlegend.
Wir sehen überall Konflikte, Krieg, Aggression, Feindbilder und Machtkämpfe. Gleichzeitig tragen Millionen Menschen ungefühlte Wut, Angst, Trauer, Scham und Verletzungen mit sich herum.
Warum sollten diese beiden Dinge vollkommen unabhängig voneinander sein?
Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Opfer für die Gewalt verantwortlich ist, die ihm widerfährt. Mir geht es um die grössere Frage, aus welchen Menschen eine Gesellschaft besteht und was geschieht, wenn unbewusste innere Konflikte millionenfach aufeinandertreffen.
Vielleicht ist ein Teil dessen, was wir als gesellschaftlichen und politischen Krieg erleben, tatsächlich nach aussen projizierter innerer Krieg.
Dann wären viele sogenannte Erwachsene biologisch zwar fünfzig, sechzig oder siebzig Jahre alt, würden emotional in bestimmten Situationen aber noch immer aus verletzten kindlichen Anteilen reagieren. Sie suchen jemanden, der ihnen Sicherheit verspricht, ihnen sagt, was richtig ist und Verantwortung für sie übernimmt.
Genau deshalb beschäftigt mich unsere Obrigkeitshörigkeit. Ich meine damit nicht, dass jede Institution schlecht ist, jeder Politiker lügt oder Experten grundsätzlich keine Ahnung haben. Eine Gesellschaft braucht Organisation, Regeln und Fachwissen.
Aber ein erwachsener Mensch sollte trotzdem lernen, selber zu denken, Aussagen zu überprüfen, seinem eigenen Empfinden zu vertrauen und Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen.
Wer diese Verantwortung permanent an Politiker, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler, Gurus oder andere Autoritäten delegiert, bleibt in einem wesentlichen Punkt abhängig.
Vielleicht ist genau das eines der grossen Themen unserer Zeit: wirklich erwachsen zu werden.
DER WEG FÜHRT NACH INNEN
Für mich beginnt echte Veränderung deshalb nicht damit, noch mehr Informationen über die Fehler dieser Welt zu sammeln.
Sie beginnt mit einer einfacheren und gleichzeitig schwierigeren Frage:
Was geschieht gerade in mir?
Was fühle ich in diesem Moment? Und kann ich dieses Gefühl tatsächlich fühlen, ohne sofort eine Geschichte darum zu bauen?
Wir haben unglaublich gut gelernt, Gefühle zu verdrängen, zu rationalisieren, zu betäuben oder auf andere Menschen zu projizieren. Wut wird heruntergeschluckt oder explodiert irgendwann. Angst wird hinter Kontrolle versteckt. Trauer wird weggedrückt. Verletzlichkeit wird als Schwäche betrachtet.
Dabei sind Gefühle zunächst einmal Informationen unseres Organismus.
Wut darf gefühlt werden, ohne dass ich jemanden verletzen muss. Angst darf da sein, ohne dass sie mein Leben bestimmt. Trauer darf durch meinen Körper gehen, ohne dass ich sie sofort loswerden muss.
Vielleicht müssen wir genau das wieder lernen: fühlen, ohne unsere Gefühle blind auszuleben.
Darin liegt für mich eines unserer grössten Potenziale für Heilung.
WIR WOLLEN FRIEDEN – ABER SIND WIR FRIEDLICH?
Wir wünschen uns Frieden in der Welt, demonstrieren dafür und erklären anderen Menschen, wie eine friedlichere Gesellschaft aussehen müsste.
Aber wie sieht es in uns selbst aus?
Wie reagiere ich, wenn mir jemand widerspricht? Was geschieht, wenn ich mich nicht gesehen fühle? Wie gehe ich mit meiner Wut um? Kann ich einen Menschen stehen lassen, dessen Weltbild meinem eigenen vollkommen widerspricht? Kann ich meine Angst fühlen, ohne sofort jemanden dafür verantwortlich zu machen?
Vielleicht entscheidet sich genau dort, ob Frieden überhaupt möglich ist.
Denn eine friedliche Welt kann schwerlich dauerhaft von Menschen geschaffen werden, die innerlich Krieg führen und diesen Krieg nicht einmal bemerken.
Deshalb glaube ich, dass jeder von uns aufgefordert ist, genauer hinzuschauen – und zwar nicht nur nach draussen, sondern vor allem nach innen. Das kann unangenehm und manchmal beängstigend sein. Wer wirklich anfängt zu fühlen, begegnet nicht nur Freude und Liebe, sondern möglicherweise auch seiner Wut, Angst, Trauer, Scham und alten Verletzungen.
Aber vielleicht liegt genau dort das Tor, durch das wir gehen müssen.
Nicht um perfekte Menschen zu werden, sondern um wieder fühlende Menschen zu werden, die Verantwortung für ihre eigene Innenwelt übernehmen.
Denn solange wir unseren eigenen inneren Krieg nicht sehen wollen, werden wir vermutlich weiterhin Menschen, Gruppen, Nationen und Ideologien finden, auf die wir ihn projizieren können.
Der Weltfrieden beginnt für mich deshalb an einem erstaunlich unspektakulären Ort: im eigenen Körper, beim eigenen Fühlen und bei der Bereitschaft, Verantwortung dafür zu übernehmen, was in uns selbst geschieht.

